Anmerkungen zur mittelalterlichen Baugeschichte

Ein etwas anderer Deutungsversuch als in der bisherigen Literatur angegeben !
Zur frühen Baugeschichte der Wiesenkirche sind nur lückenhafte urkundliche Überlieferungen bekannt. Die einzelnen Bauepochen sind aus den verschiedenen Grundsteinen erkennbar. Viele „Experten“ haben versucht, Licht in das Dunkel der Baugeschichte zu bringen. Ich möchte den bisherigen Deutungsversuchen eine persönliche Variante hinzufügen, die keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt.
Der 1. Grundstein im Chor der Wiesenkirche enthält einen schwierigen Text in lateinischem leonischen Versmaß mit vielen Wortabkürzungen, der schon manche Übersetzung erfahren hat. So wurden als Jahr der Grundsteinlegung bisher die Jahre 1343, 1331, 1314 und 1313 angegeben. Nach neuesten Erkenntnissen (Dissertation von Hoppe-Sailer) gilt als Zeitpunkt für die Grundsteinlegung das Jahr 1313 als gesichert. Der lateinische Text des Grundsteines lautet : C ter X mille tribus ique dies tenet ille Huius quo primum struxit loculi capud ynum Ne deus o dempnes hunc Schendeler arte johannes.
Diese Inschrift wurde vom früheren Direktor des Archigymnasiums Herrn Ober-Stud.-Dir. Stopp 1950 wie folgt übersetzt :
(Im Jahre) 1331 dauert jener Tag, an dem zuerst den Grundstein dieses Raumes legte – Gott, o verwirf diesen (Mann) nicht – kunstgerecht Johannes Schendeler.
Stopp schreibt : "Die Ursache aller Schwierigkeiten bei der Übersetzung liegt darin, dass die Inschrift nicht im klassischen Latein verfasst ist, sondern im mittelalterlichen Latein vorhumanistischer Zeit. Dazu ist der Text in Verse gebracht, die selbst die mittelalterliche Spielart eines antiken Verses darstellen, nämlich die sogenannten „leonischen Hexameter“, deren Besonderheit darin besteht, dass sie Binnenreim haben. Eine weitere Schwierigkeit macht sich geltend : man liebte damals Wortkürzungen („Abbreviaturen“) in schriftlichen Aufzeichnungen.“
Meine Anmerkungen beziehen sich nun auf die letzte Zeile der Übersetzung. „Ne deus o dempnes hunc Schendeler arte Johannes“.
Ich deute diesen Text wie folgt : O Gott verdamme diesen „Baumeister“ nicht, den Künstler Johannes.
Ungewöhnlich ist an dieser Textzeile die Aussage „O Gott verwirf diesen Mann nicht.“ Der Text des Grundsteines stammt offensichtlich nicht vom Baumeister, sondern wohl von Auftraggebern zum Bau dieser Kirche.  Wusste man von der Kühnheit dieses Baumeisters ??? Bisher wurde in der Literatur als Name für den 1. Baumeister angegeben : Johannes Schendeler.
Offen blieben bis heute die Fragen : Wer gab den Auftrag zum Bau ?

                                                              Warum eine 2-Turmanlage ?

                                                              Woher kam der Baumeister ?

                                                              Wo ist er geblieben ?

Exkurs :

Ich halte das Wort „Schendeler“ nicht für den Namen des Baumeisters, sondern deute ihn als eine Art Tätigkeits- oder Berufsbezeichnung. Im Bürgerbuch der Stadt Soest hat Rothert auch die früheren Gewerbe- und Berufsbezeichnungen aufgeführt. Hier ist unter dem Oberbegriff  „Baugewerbe“  auch die Berufsbezeichnung „Schindeler“ aufgeführt, und zwar  1 mal als Neubürger. Damit ist weiter belegt, dass  „Schendeler“  kein Name ist. Im 12. / 13. Jahrhundert setzten sich die Nachnamen zunächst bei der Oberschicht durch. Erst im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts bürgerten sich in breiten Kreisen feste Familiennamen ein. Vorher unterschied man den Einzelnen häufig nach seiner Beschäftigung oder dem Ort der Herkunft; so wurden auch die Neubürger der Stadt in das „Soester Bürgerbuch“ eingetragen. Bei der Frage nach dem  „Woher“ kann uns das älteste Soester Bürgerbuch , dass 1302 beginnt, weiterhelfen. In diesem Bürgerbuch wurden alle Neubürger aufgeführt mit Angabe des gezahlten Bürgergeldes und der Benennung zweier Bürger als Zeugen. Da die Stadt Soest mit ihren reichen und wohl auch stolzen Kaufleuten im 13. / 14. Jahrhundert auf der Höhe ihrer wirtschaftlichen Macht angelangt waren, kann man annehmen, dass sie durch den Bau einer neuen, größeren und außergewöhnlichen Kirche selbstbewusst gegenüber ihrer Obrigkeit – dem Kölner Bischof  –  dies deutlich machen wollten. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Soester Bürger (Kaufleute) den Auftrag zum Bau der Wiesenkirche erteilt und ihn auch weitgehend finanziert haben. Ebenso ist aus der Konkurrenz mit den Kölnern die Wahl der für eine Pfarrkirche ungewöhnlichen Zwei-Turmanlage zu erklären. Diese konkurrierende Haltung hat ja wohl später zur „Soester Fehde“ geführt. Daher ist anzunehmen, dass die Soester Kaufleute sich im „benachbarten Köln“, wo sich der Bau der gotischen Kathedrale in der Ausführung befand, einen geeigneten Baumeister zur Ausführung ihrer Pläne holten. Dass im Soester Bürgerbuch kein „Neubürger“  Johannes Schendeler verzeichnet ist, ist ein weiterer Beleg dafür, dass der Nachname Schendeler nicht richtig ist. Im ältesten Bürgerbuch finden wir im Jahre 1308 einen  Soester Neubürger mit dem Namen: 

 "Johan de Colonia“ also „Johann von Köln“ !

 
Dies ist meiner Auffassung nach der 1. Baumeister der Wiesenkirche, der aus Köln stammt.
Die Zeit (5 Jahre) bis zur Grundsteinlegung im Jahre 1313  ist als realistische, notwendige Vorbereitungszeit erforderlich gewesen.  Damit ist die Herkunft und der Name des 1. Baumeisters geklärt. Die Verbindung mit der Kölner Bauhütte ist auch durch die Steinmetzzeichen belegt.  Im Archiv der Kirchengemeinde sind bei den Unterlagen zur Wiedereinweihung nach der 1. großen Restaurierung und Vollendung der Kirche 1882  zwei interessante Anmerkungen in der Presse-Berichterstattung belegt. 
Im Soester Anzeiger, Nr.     vom  15. October  1882  heißt es u.a. : " ... Schendeler soll beim Einsturz der 3 östlichen Gewölbe 1350(das sind die Chorgewölbe) in der Wiesenkirche umgekommen sein."
In dem in der Rheinisch-Westfälischen Post in Barmen-Elberfeld vom 18. Oktober  1882  erschienenen Bericht  -  Die Kirchweih  zu Soest am   15. Oktober  1882  - findet sich die Anmerkung : " .....  Auffallend ist das Bestreben des Künstlers (Johannes Schendeler  1314 bis 1350), im Äußern die Horizontale im Innern mehr die Vertikale herrschen zu lassen, denn   ...."
Dies würde bedeuten, dass sich der Einsturz 1350 ereignet hat. Dieses Ereignis würde auch die von Hoppe-Sailer angemerkte Bauunterbrechung, die er mit den Pestjahren 1648 – 1652 begründet, erklären. Unterstellt man bei der Grundsteinlegung ein Alter von 25-30 Jahre für den Baumeister „Schendeler“, dann wäre er  1350  etwa  62 - 67  Jahre alt gewesen. Auch der Eintritt des Architekten Wilhelm von Hamme im Jahre 1351 in die Bauhütte wäre damit logisch erklärt. Auch Magister Wilhelmus de Hammone wird im Jahre 1351 Soester Bürger, wie das Bürgerbuch belegt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass zwei Baumeister der Bauhütte vorstanden.

Rothert schreibt dazu :  „Meister Wilhelm von Hamm, ein s. Zt. namhafter Architekt, der 1351 einbürgerte. Erst zwei Jahre zuvor hatte er in Dortmund, wo er das Rathaus um- und ausbaute, das Bürgerrecht erworben. Sein Vater war der in Köln tätige Steinmetz. Joh. de Hammone; auch seine Söhne Johan und Arnold von Hamm waren hernach wieder Steinmetze in Köln. Vielleicht gehört auch der schon 1309 in Soest eingebürgerte  Theodericus de Hammone  lapsida  dieser Familie an“.
Und er vermutet : „ .. Da ist es wohl nicht zu kühn, in Meister Wilhelm von Hamm den Nachfolger von Joh. Schendeler zu sehen. Was den Meister Wilhelm nach kurzem Aufenthalt in Dortmund nach Soest zog, war vermutlich die lockende Aufgabe, die Bauleitung der Wiesenkirche zu übernehmen“.
Hoppe-Sailer merkt an : „... außerdem ist es möglich, die lange Bauunterbrechung nicht nur mit der Pest, sondern auch mit der Suche nach einem neuen Baumeister zu begründen, und schließlich und endlich fällt in diesen Zusammenhang auch die bereits erwähnte Fülle der in Köln und Soest  identischen Steinmetzzeichen ins Auge“.
„Sollte Meister Wilhelm von Hamm tatsächlich den Bau der Soester Wiesenkirche um 1351 übernommen haben, so ist  davon auszugehen, dass er die Grund- und Aufrißdisposition ausformuliert vorfand. Wilhelm von Hamm hatte über die Bauhütte seines Vaters auch Kontakte zu Kölner Steinmetzen, die nach Vollendung des Chores am Kölner Dom  1304  sich vielleicht nach neuen Tätigkeiten umsahen“.
Die ersten Arbeiten dieses Baumeisters waren sicherlich die Neueinwölbung des Chores der Wiesenkirche. Die Chöre wurden 1376 geweiht und wahrscheinlich auch in Benutzung genommen. Vermutlich war erst dann die Zeit gekommen, die Vorgängerkirche, die in ihrer Lage im heutigen Kirchenschiff nachgewiesen ist,  abzubrechen. Danach ist dann wohl das Kirchenschiff der Vollendung nahe gebracht worden. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Meister Wilhelm von Hamm  bis 1392  als Baumeister der Bauhütte vorstand.
Im Jahre 1392 wird im Bürgerbuch ein neuer Baumeister aufgeführt, der Meister Godert van sunte Druden, und zwar ausdrücklich als  „de Werckmester to der Wese“  bezeichnet. Nach den Ausführungen von Rothert im Bürgerbuch soll er aus dem benachbarten Lippstadt stammen, wo seine Familie seit  1291  im Rat saß. Dieser Baumeister wird die Halle vollendet haben und kommt möglicherweise für die Errichtung des Südportals in Frage. Der nächste Baumeister ist dann  1421  Johannes Verlach, wie wir dem Grundstein zum Weiterbau der Turmhalle entnehmen können.
So könnte es gewesen sein !
Hans Dieter Bödecker, Presbyter