Die Glocken

Die liturgische Bedeutung des neuen Glockengeläutes der Wiesenkirche.

Der Klang der Glocken des neuen Geläutes bringt auch die Botschaft von der Nähe Gottes zu den Menschen. Beides schwingt hier mit: Die Sehnsucht der versammelten Gemeinde nach der Nähe Gottes, nach seinem Geleit, nach seiner Herrlichkeit - und zugleich die Einladung an alle, die die gleiche Sehnsucht in ihrem Herzen spüren wie wir, die sich von Gott an die Hand nehmen lassen wollen wie wir, die ihm danken und ihn ehren wollen wie wir, eine Einladung dazuzukommen und dabeizusein, wenn wir vor Gott den Gottesdienst als Fest des neuen Anfangs feiern.

 

Glocke III

Da ist zuerst die Glocke I , die "Gloriosa" als größte Glocke des Geläutes. Diese Glocke mit dem Ton : h ` und 2295 kg Gewicht wurde 1856 von dem Glockengießer Wilhelm Rinker in Westhofen gegossen. Sie trägt die Inschrift: "Unser Gott kommt und schweigt nicht." und erklingt an den hohen Festtagen des Kirchenjahres.

Dann sind die als Sonntags-Glocken bestimmten Glocken  II bis V zu nennen, die Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst rufen und alle einladen, die sich von Gott an die Hand nehmen lassen wollen.
 
Die Glocke  II , mit dem Ton :  d ´  und ca. 1600 kg Gewicht wurde 1933  von der Hofglockengießerei Franz Schilling Söhne in Apolda / Thüringen  gegossen.
Sie trägt die Inschrift : "Ehre sei Gott in der Höhe"

Die neuen Sonntagsglocken singen dann davon am Anfang jeder Woche mit der  5. Strophe aus
"Macht hoch die Tür" : "Komm o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein Heil'ger Geist uns führ und leit den Weg zur ew'gen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr."

Gott kommt, wir öffnen uns für ihn und bitten ihn, dass er die Führung unseres Lebens übernimmt  -  damit es gut wird, damit etwas werden kann aus dem, was er uns anvertraut. Ganz im Sinne der Auslegung Martin Luthers zur
2. Vaterunserbitte: "Dein Reich komme. - Was ist das? - Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme.  -  Wie geschieht das?  -  Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und danach leben, hier zeitlich und dort ewiglich." "Unser Gott kommt und schweiget nicht."  Ja "Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.

So klingen sie zusammen diese drei. Und doch hat jede noch einmal ihre ganz eigene Bedeutung und Funktion. Der Liedvers ist verteilt auf die drei Glocken.

 

Die Glocke  III , mit dem Ton :  g `  und ca. 950 kg Gewicht wurde  2002 in der Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall gegossen.
Sie trägt die Inschrift : "Komm o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür Dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, Dein Freundlichkeit auch uns erschein."

Diese Glocke schmückt das Gnadenstuhlmotiv, dass von dem Alabasterrelief im Chorraum der Kirche übernommen ist.

Die Einladung, die aus dem Südturm in die Stadt hinaus erschallt, wird hier im Innern der Kirche, im Abendmahl, in Lesung, Predigt und Gebet zur Wirklichkeit, die man erleben  -  hören, sehen, schmecken kann. Der Gott, der kommt, das ist der Gott, der bei uns gegenwärtig ist in Wort und Sakrament:
"Kommt, denn es ist alles bereit. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist."
 

Glocke IV
Glocke IV
Christusglocke

Die Glocke  IV , mit dem Ton :  a `  und ca. 700 kg Gewicht wurde 2002 in der Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall gegossen.
Sie trägt die Inschrift : "Dein heil'ger Geist uns führ und leit den Weg zur ew'gen Seligkeit "

 

Das ist das Widmungswort der zweiten Glocke. Sie wird uns auch als Sterbeglocke dienen. Sie wird läuten, wenn wir Schwestern und Brüder aus unserer Gemeinde zu Grabe tragen, und wenn wir im Gottesdienst der Verstorbenen gedenken. Das Bild der Mutter mit dem toten Sohn, den sie auf ihrem Schoß in ihre Arme schließt, den sie umhüllt mit der Weite ihres Mantels, das ist seit dem Mittelalter ein wichtiges Motiv der  ars moriendi, der geistlichen Einübung ins Sterben. Wer sich Gott ganz anvertraut im Leben wie im Sterben, der geht nicht verloren, der bleibt geborgen in den Armen Gottes, geliebt mit der Liebe einer Mutter.
Für manchen unter uns verbinden sich Kriegserlebnisse mit diesem Bild, Erinnerungen an Soldaten, die fern der Heimat fielen und in der Stunde ihres Todes nach ihrer Mutter riefen, Erinnerungen an angstvolle Bombennächte im Bunker, in denen plötzlich jemand das Lied anstimmte "Maria breit den Mantel aus."  Schutz und Trost im Vertrauen auf Gott, der uns nicht lässt, auch wenn wir alles andere lassen müssen. Und nicht zuletzt:  Ein Marienbild im Geläut unserer Marienkirche.



Das für unsere Gemeinden Besondere an dieser Sterbeglocke ist zudem der Moment ihres Entstehens. Herr Prigl hat die Pieta am frühen Morgen des 28. Mai entworfen, genau zu dem Zeitpunkt, an dem Bruder Selle, unser Superintendent, gestorben ist. So wird uns diese Glocke neben all den anderen Verstorbenen immer auch an ihn erinnern.


Die Glocke  V ist die "Vaterunserglocke", mit dem Ton :  h ´  und ca. 550 kg Gewicht wurde 2002   in der Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall gegossen.
Sie trägt die Inschrift : "Dem Namen Dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr "

Sakramentsglocke
Vaterunserglocke
Gottgeistglocke

Die Widmung erinnert an die erste Vaterunserbitte.  Dazu noch einmal Martin Luther aus dem Kleinen Katechismus: "Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.  -  Wie geschieht das?  -  Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird, und wir auch heilig, als die Kinder Gottes danach leben.  Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel. Wer aber anderes lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt  unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater."
Diese Glocke wird zum Vaterunser läuten und damit die dritte Funktion aufgreifen, die Glocken seit alters her im kirchlichen Gebrauch zugeschrieben wird. Sie laden ein. Sie rufen Gottes Geist auf die Gemeinde herab. Und sie bitten Gott, Unglück und falsche Lehre abzuwehren.

Die Glocke  VI ist die "Sakramentsglocke", mit dem Ton :  d ´´  und ca. 390 kg Gewicht wurde 2002 in der Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall gegossen.
Sie trägt die Inschrift : " Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir bis Du kommst in Herrlichkeit " Diese Glocke schmückt das Motiv "Hagia Trias" ; sie wird während der Einsetzung des Abendmahles läuten.

Die Glocke wurde als Zeichen ökumenischer Verbundenheit von der benachbarten katholischen Albertus Magnus Gemeinde gestiftet.

Diese Glocke schmückt das Motiv der  "Hagia Trias" , der Heiligen Dreiheit, eine Szene aus Gottes Geschichte mit Abraham (1. Mose 18,  1-15).  In der Geschichte dieser Glocke heißt es: "Der Herr erschien dem Abraham im Hain Mamre. Und als Abraham die Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm." Er beeilt sich, sie einzuladen. Sie mögen doch bei ihm verweilen, sich ausruhen und im Schatten seines großen Baumes mit ihm speisen. Die Drei lassen sich nicht lange bitten. Und während sie noch miteinander essen, rücken sie heraus mit der Botschaft, um derentwillen sie gekommen sind:
"Abraham," sagen sie," vor langer Zeit hat Gott Dir sein Wort gegeben. Er hat gesagt: "Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein." Du hast dich auf dieses Wort verlassen, hast zurückgelassen was dir Heimat war und hast dich ganz auf eine Zukunft eingestellt, die dir Gott allein nur geben kann. Wir sind heute hier, um dir zu sagen: Gott hält sein Wort. Du wirst es bald erleben."
Wichtig sind in der Geschichte erst einmal nicht die Drei. Wichtig ist die Botschaft. Sie macht Hoffnung. Sie erschließt die Zukunft. Die eine gute Nachricht eint ihre drei Boten. Es liegt im Wesen dieser Botschaft, das hier nicht einfach einer reden kann. Gott selber ist Gemeinschaft, ist lebendige Beziehung, ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und alles, was er schafft, will wie er selbst in lebendiger Gemeinschaft leben.
Gibt es ein schöneres Symbol für unser Miteinander als diese Glocke, die uns unsere katholische Schwestergemeinde geschenkt hat, damit sie zur Taufe und zum Abendmahl erklinge, zu den Sakramenten also, durch die Gott selbst Gemeinschaft stiftet?  Wie könnte der Zusammenklang der christlichen Gemeinden und Konfessionen dieser Stadt erhebender zum Ausdruck kommen als durch das gemeinsame Geläut mit dem all die Soester Altstadtkirchen unseren Glocken antworten und sie in ihrem Kreis willkommen heißen werden?

Die drei kleinen Glocken werden wir kaum alleine hören. Sie werden im Zusammenklang mit ihren größeren Schwestern ihre eigenen besonderen Akzente setzen. Sie loben Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist.
Sie entfalten das im "Gnadenstuhl" der großen Sonntagsglocke dargestellte Thema der Dreieinigkeit. Im Gnaden-
stuhlmotiv begegnet uns die Trinität vereint :
Gottvater als der Schöpfer des Himmels und der Erde. Gott der Sohn als der Gekreuzigte gleichsam auf dem Schoß des Vaters. Und dort, wo das Herz des Vaters sitzt, die kleine Taube, Gott der Heilige Geist. Natürlich gehören alle drei zusammen, denn Gott ist einer, der uns hier in dreierlei Gestalt begegnet. Nicht von ungefähr hat der Vater das Gesicht des Sohnes. Nicht von ungefähr steigt die Taube wie ein Bote vom Sohn zum Vater auf. Vater, Sohn und Heiliger Geist gehören zusammen. Doch lohnt es sich, sich auf jede ihrer Stimmen gesondert einzustellen.


Die Glocke  VII  ist die Gottvaterglocke  mit dem Ton : e ``   und ca. 300 kg Gewicht wurde  2002  in der Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall gegossen.
Sie trägt die Inschrift : "Sanctus Sanctus Sanctus Deus Sabaoth, pleni sunt coeli et terrae gloria eius."  d.h.  Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, voll sind Himmel und Erde seiner Herrlichkeit. (Jes.  6,3)


Wir kennen diesen Lobgesang aus der Liturgie des Abendsmahls. Gott deckt uns seinen Tisch im Angesicht all dessen, was uns Angst macht und bedroht. Er läßt uns schmecken und sehen, wie freundlich er uns ist. Wir erkennen in Gottes Güte seine Größe, seine Macht und seine Herrlichkeit. Der mächtige, der heilige, ist der uns nahe und uns zugewandte Gott. Dem gilt unser Lobgesang. Ihn zu loben ist der Zweck der Gottvaterglocke, deren Zusatztext uns eben dies verrät: "ad signandum et cantandum gloriam Dei aeterni". d.h. Die Herrlichkeit des ewigen Gottes zu segnen und zu preisen.

Ein Glockenklang für Gottes Volk auf seiner Wanderschaft: "Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt, aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik."
Auch der Kirche unter dem Kreuz tut es gut, sich der unermesslich großen Macht zu erinnern, die sich in solcher Ohnmacht offenbart.

Die Glocke  VIII  ist die "Christusglocke", mit dem Ton :  fis ´´  und ca. 250 kg Gewicht wurde 2002   in der Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall gegossen.
Sie trägt die Inschrift : "Christus est imagio Dei invisibilis, primogenitus omnis creaturae " d.h. Jesus Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung.    (Kolosser  1,15)



Ein alter Hymnus aus der Zeit der frühen Kirche: Die Christusglocke bringt uns den einzigen Maßstab ins Bewußtsein, der uns die Verhältnismäßigkeit der Welt und unserer Seele erkennen lassen kann: Christus lehrt uns, Gott zu sehen. Christus lehrt uns, uns selber zu erkennen. Christus lehrt uns, dass Gott und Mensch und alle Kreatur sich ineinander spiegeln und aus dem gleichen Geiste leben wollen. Von Christus her sprechen wir von Gott, dem Heiligen Geist. Christuslob soll ohne Ende unser Beten sein, der  Dank an ihn soll unser Lebenswerk bestimmen. Der Klang der Christusglocke ist das Metronom.
Wenn wir sie hören, gilt es, unseren Pulsschlag auf den Rhythmus Christi einzustellen.
 
"Nocte dieque vigil depromam carmina Christo." d.h. Tag und Nacht wachsam bringe ich Christus meine Lieder dar.
Solange wie ihr Klöppel schwingen kann, will diese Glocke Jesus Christus ehren.
Die Glocke  IX  ist die "Gottgeistglocke", mit dem Ton :  g ´´  und ca. 210 kg Gewicht wurde 2002   in der Glockengießerei Bachert in Bad Friedrichshall gegossen.
Sie trägt die Inschrift : "Spiritus Domini replevit orbem terrarum " d.h. Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis.   (Weisheit  1,7) Christi Geist weht überall. Er geht als Hauch des Lebens über alles Chaos hin und er verbindet alles das, was heute noch geschieden ist.


Die Macht des göttlichen Schöpfergeistes kann man wohl in nur wenigen Augenblicken so sinnbildlich erleben, wie beim Glockenguss; dann ist es, als ob in diesem Augenblick alles zueinander fände: Die Glockengießer mit der zunftgerechten Tat, die Bronze und das Feuer und die Erde und der Ton, der angehaltene Atem und die heiße Luft, der Herzschlag und die Konzentration bei allen die zugegen sind. Und dann die Stimme, die die Glocke, deren Form sich in diesem Augenblick mit Bronze füllt, bei ihrem Namen nennt und ihre Widmung in das Brodeln, in das Glühen und in die gespannte Stille ruft. Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis und er ruft, das, was nicht ist, dass es sei.

An den Guss und an die verbindende Gemeinschaft erinnert auch der Zusatztext gerade dieser Glocke :
"Cum sex sororibus fusa sum ut laudem Dei aeterni tantummodo signem."  d.h.  Mit sechs Schwestern bin ich gegossen worden, dass ich den ewigen Gott lobe, wann immer ich ihn nenne. Die fettgedruckten Texte sind als Inschrift auf den Glocken angebracht.


Die neuen Glocken wurden am 14. Juni 2002  um 15 Uhr, der Sterbestunde Christi, in der Glockengießerei Bachert gegossen. Die Bronze besteht aus 78 % Kupfer und 22 % Zinn.

So werden unsere Glocken uns durch das Kirchenjahr begleiten und durch die Stationen unseres Lebens. Es wird Augenblicke geben, in denen wir den vollen Klang des Festgeläutes mit frohem Herzen hören. Und dann werden die stillen Zeiten kommen, in denen uns die leisen Töne auf den nahen Gott hinweisen.

Abgestimmte Teilgeläute werden uns helfen, uns auf die Botschaft bestimmter Tage zu konzentrieren.
Und alles, was von unseren Türmen klingt, ist ganz bewußt im Zusammenspiel mit all den anderen Geläuten unserer Stadt zu hören. Es geht bei allem, was die Glocken uns bald hören lassen, immer darum, einzustimmen  -  einzustimmen in das Gotteslob, das überall im Himmel und auf Erden schon erklingt.
 

(Zusammengestellt von Hans Dieter Bödecker, nach erläuternden Auszügen aus den Predigten, die Pfr. Mattenklodt  am  9. und am 11. Sonntag nach Trinitatis sowie zur Indienstnahme des Geläutes anlässlich der Feierstunde zur Vollendung der Restaurierung der ersten Etage des Südturmes am  7. September  2002 in der Wiesenkirche gehalten hat.)